top of page

What a feeling

Manchmal findet man sich selbst wieder. Nicht im Spiegel, sondern in einer Schublade. Zwischen verhedderten Kabeln, die zu nichts mehr passen, und Dingen, deren Zweck man nur noch aus Sentimentalität verteidigt. In meinem Fall war es ein Walkman. Mein erster. Schwarz. Schwer. Rebellisch. Eine kapitalistische Schmuggelware, die heimlich ihren Weg von einer westdeutschen Patentante in den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat fand. Er lag da wie ein archäologischer Zeitzeuge des Kalten Krieges. Aus einer Zeit, in der Musik noch etwas wog – physisch wie emotional. Eine Zeit, in der Musik noch ein anderes Gewicht hatte, weil man sie mühevoll auf das Band einer Kassette konservierte. Zwei Sekunden Pause zwischen Liedern, die man eigentlich nicht hören durfte. Handbeschriftet mit der Sorgfalt eines fünfzehnjährigen Menschen, der glaubte, Gefühle ließen sich ordnen, wenn man sie nur richtig beschriftet. Präzision war kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Ich drückte Play. Und sofort war sie da, diese unverschämte Energie der Achtziger, dieses Pathos, das sich nicht entschuldigt. Whitney Houston sang, als ginge es um alles, und ich glaubte ihr jedes Wort. Bonnie Tyler krächzte und ich tanzte durch die Küche, als ginge es um Leben und Tod. Nicht elegant, sondern überzeugt. Der Körper erinnerte sich schneller als der Verstand. „Holding out for a hero“ war kein Song in diesem Moment, sondern mein aktueller Glaubenssatz. Als ich kurz davor war, einen Eimer Eiswasser über mich zu stürzen, standen meine Kinder in der Tür. Sie sahen mich an wie man peinliche Erwachsene ansieht und fragten, ob ich für eine Challenge nominiert sei. Auf Facebook vielleicht. Jede Irritation muss heute eine digitale Erklärung haben. Es ist der natürliche Reflex einer Generation, die jede Abweichung vom Normalzustand ins Internet einordnet. Mit schriller Stimme sang ich ihnen „Girl just want to have fun“ entgegen und erklärte ihnen kurz darauf den Walkman. Dass Musik früher Geduld verlangte. Dass man damals Musik besaß, nicht streamte. Dass man aufnahm, wartete, schnitt. Dass man Lieder nicht skippen konnte, sondern aushielt. Dass man vorspulte und wieder zurück, wenn man zu weit gegangen war. Dass man liebte, was man hatte, weil man nicht alles haben konnte. Sie betrachteten das Gerät wie einen Fund aus einer Ausgrabungsstätte oder wie ein Exponat aus dem Naturkundemuseum. Ihre Gesichter schwankten zwischen mildem Desinteresse und offener Verlegenheit. Zwischen technisch überholt und emotional fragwürdig. Als Höhepunkt meiner Präsentation befestigte ich den Walkman mit einem gekonnten Klick an meiner Jeans. Ein Geräusch, das mehr Selbstbewusstsein enthält als jede App. Meine Kinder wandten sich gelangweilt ab. Nur die Kleinste blieb. Sie sah zu, wie ich einen Moonwalk probierte. Mehr Wille als Können, mehr Erinnerung als Bewegung. Und am Ende stellte sie die einzig logische Frage unserer Zeit: „Mama … und wie kann man damit telefonieren?“ Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs

Beziehungskiste beziehungsweise Beziehungskram

Beziehungen kommen selten ohne Verpackung. Meist steckt man sie in eine Kiste. Beziehungskiste nennt man das dann. Darin liegen Erwartungen, nette Sprüche, gut gemeinte Ratschläge und die eine oder andere Verletzung, die man vorsorglich mit aufbewahrt. Man weiß ja nie. Beziehungsweise ist ein schönes Wort. Es deutet an, dass Beziehungen nichts Festes sind, sondern Zustände. Man ist nicht einfach zusammen, man ist beziehungsweise. In Bewegung. In Aushandlung. In Übersetzung. Beziehungskram klingt dagegen nach Überforderung. Nach Gesprächen um halb zwei nachts, nach Missverständnissen, die sich nicht aufklären lassen, nach dem Gefühl, dass Nähe Arbeit ist. Und das ist sie auch. Nur eben keine, die man delegieren kann. Es gibt Beziehungskisten für Anfänger. Da steht noch vieles unberührt drin. Hoffnung, Ideale, der feste Glaube, dass Liebe alles regelt. Dann gibt es die für Fortgeschrittene. Mit Gebrauchsspuren. Mit Kompromissen, die man gelernt hat zu schätzen. Und schließlich die für Freaks. Die, die alles gesehen haben. Die wissen, dass Beziehung kein Zustand ist, sondern eine Praxis. Was in all diesen Kisten oft fehlt, ist der wichtigste Zettel. Er liegt selten obenauf, eher ganz unten. Darauf steht: Ich. Das klingt zunächst ein bisschen nach Narzissmus, ist aber das Gegenteil. Wer sich selbst nicht mitdenkt, überlädt jede Beziehung. Wer sich selbst nicht mag, verlangt zu viel. Selbstliebe ist kein Luxus. Sie ist Grundausstattung. Vielleicht ist das die eigentliche Beziehungskiste. Die zu sich selbst. Wer sie pflegt, muss weniger reparieren. Und kann bedingungsloser lieben. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs

Ritter in pink

Es heißt immer, die Dinge seien kompliziert. Dabei sind sie eigentlich ganz einfach. Man muss nur wissen, was zu tun ist. Man küsst die Prinzessin aus dem Schlaf. Man überreicht ihr einen Blumenstrauß. Man besiegt den Drachen, marschiert entschlossen durch die Hecke und klettert den Turm hinauf. Falls man dabei abstürzt, hält man sich fest. Das gehört dazu. Helden fallen nicht, sie hängen nur kurz. Zwischendurch schert man ein Schaf, gewinnt ein Wettrennen und erklärt anschließend, dass das alles doch totaaal einfach gewesen sei. Helden neigen zur Bescheidenheit, wenn sie gut gelaunt sind. So funktioniert das Märchen. Es folgt einer klaren Dramaturgie. Jede Aufgabe hat ein Ziel, jedes Ziel eine Belohnung. Es gibt Drachen, aber sie sind besiegbar. Es gibt Türme, aber sie sind erklimmbar. Und am Ende weiß man, zu wem man gehört, bis ans Ende aller Tage. In der Realität ist das schwieriger. Dort schlafen Prinzessinnen nicht, sie denken. Drachen sind keine Einzelwesen, sondern Alternativen mit Mehrheitsanspruch. Hecken haben Dornen, Türme keine Geländer, und Abstürze hinterlassen Spuren. Niemand erklärt, wann genau man sich festhalten muss. Vielleicht liegt der Fehler darin, dass wir Märchen falsch verstanden haben. Vielleicht geht es gar nicht um „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“ Vielleicht geht es gar nicht um Kraft oder Sieg. Vielleicht geht es um die Rüstung. Denn die wichtigste Regel wurde lange übersehen: Eine Ritterrüstung sollte pink sein. Mit ganz vielen Herzchen drauf. Nicht, weil das niedlich ist. Sondern weil es Haltung zeigt. Wer in Pink kämpft, kämpft nicht aus Angst, sondern aus Zuneigung. Wer Herzen trägt, schützt nicht nur sich, sondern auch das, was verletzlich ist: das Herz. Vielleicht ist das die moderne Heldengeschichte: Nicht Drachen töten, sondern Nähe riskieren. Nicht Prinzessinnen retten, sondern ihnen zuhören. Und zugeben, dass vieles eben doch nicht einfach ist, aber machbar, wenn man es mit Herz versucht. Totaaal einfach. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs

bottom of page