

"Der Laufsteg und das Pflegebett" - An alle Models: Deutschland sucht Personal
Ich hörte neulich, dass erschreckend viele Models in wirtschaftlich prekären Zuständen leben müssen. Beim Nachdenken über dieses planetare Problem entfaltete sich eine utilitaristische Idee mit gesellschaftlichem Nutzen. Also, liebe Models, aufgepasst: Falls ihr gerade keinen Job habt oder durch die Künstliche Intelligenz ersetzt wurdet – Deutschland sucht dringend Personal. Zwar nicht für die Fashion Week, dafür aber für die Wirklichkeit. Im Schuljahr 2026/27 werden voraussichtlich rund 50.000 Lehrkräfte an den Schulen unseres Landes fehlen. Vielleicht verbirgt sich unter dem Designerblazer ein abgeschlossenes Lehramtsstudium. Oder irgendeine andere Qualifikation, die zufällig zur Stundentafel passt. Falls Kinder nicht so euer Ding sind, hätte Deutschland noch ein paar Alternativen im Gepäck: Die Pflege sucht seit Jahren händeringend Personal. Das Handwerk ebenfalls. Die Metallbranche. Der Bau. Die Vermessungstechnik. Die Gastronomie. Die Abfall- und Reinigungswirtschaft. Eigentlich alles, was dafür sorgt, dass dieses Land morgens überhaupt funktioniert. Dresscode? Schlicht. Accessoire? Akkuschrauber, Blutdruckmessgerät oder Kreide. Applaus? Überschaubar. Dankbarkeit? Erstaunlich oft. Hashtag? #Systemrelevant. Zugegeben, die Gagen sind nicht ganz Haute-Couture. Dafür ist die Chance, gesellschaftliche Werte zu erzeugen, aber ungewöhnlich hoch. Ein gesellschaftlicher Wert ist übrigens kein Like. Er entsteht, wenn ein Kind lesen lernt. Wenn ein alter Mensch nicht allein gelassen wird. Wenn ein Pflegebedürftiger würdevoll versorgt wird. Wenn ein Dach dem Sturm standhält. Wenn eine Brücke trägt, obwohl niemand ein Foto von ihr macht. Wenn nach einem Verkehrsunfall jemand da ist, der weiß, was zu tun ist. Ach ja, und Würde ist ganz nebenbei gesagt, das, was übrigbleibt, wenn man Schminke, Implantate, Booster, Logos und Handtaschen weglässt. Leider taucht sie in Hochglanzmagazinen kaum auf. Das authentische Leben besitzt eben einen entscheidenden Nachteil: Es arbeitet ohne Rabattcode. Aber wer weiß – vielleicht gibt es ja bald eine neue Kampagne: "Systemrelevant – die Herbst-/Winterkollektion" Mit Nachtschicht, statt Blitzlicht. Und als Accessoire eine Gehaltsabrechnung, bei der selbst das Model fragt, ob das auch wirklich kein Druckfehler ist. Zur Not kann man sich ja ohnmächtig ins Pflegebett fallen lassen. Es fehlt dann eben nur jemand, der den Blutdruck misst. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs
"Die kleine Arche"
Es ist ja so mit den Gefühlen, dachte ich, dass man die meistens erst bemerkt, wenn sie irgendwo im Weg rumstehen. Wie ein Umzugskarton im Flur. Man läuft dauernd dran vorbei und denkt: Den müsste ich mal wegräumen. Und irgendwann wohnt er einfach da. Und dann kommt plötzlich wieder die Sintflut in Apokalypsestimmung. Mit viel Tränen, mit Lärm und Geschrei, manchmal mit lähmendem Schweigen, mit Nachrichten, mit Melodien, mit diesem ganzen Zeug im Kopf. Und irgendwie denkt man sich so, man müsste retten, was noch zu retten ist. Ja gut. Aber was rettet man denn, und wen zuerst? Gewohnheiten? Entstehen neu. Pläne? Kann man ändern. Erinnerungen? Bleiben sowieso, ob man will oder nicht. Aber Gefühle, dachte ich. Gefühle kann man nicht nachbestellen. Manchmal hauen sie über Nacht einfach ab. Und dann steht das übriggebliebene Gefühl einfach so dumm herum und weiß nicht was es jetzt machen soll. Also baute ich eine kleine Arche. Nicht groß. Eher so mittel. Für ein paar Gefühlssachen. Kein Kreuzfahrtschiff. Mehr so eine kleine Nussschale, die für Paare reicht und die dann gemütlich davon schippert. Und dann fing ich an zu sammeln. Von jedem zwei. Zwei sind wichtig, wegen der Fortpflanzung. Sonst bringt das ja nichts. Ein einzelner Mut zum Beispiel, was soll der schon machen? Sitzt da nur so rum und wird irgendwann zynisch. Also: zwei Mut. Zwei Hoffnung. Zwei Zärtlichkeit. Die Zärtlichkeiten waren unkompliziert. Die wollten sofort zusammensein. Hoffnung musste ich gar nicht suchen. Die saß längst im Boot. Ein bisschen zerzaust, aber sie hatte den Platz freigehalten. Wut war schwieriger. Wut beißt. Die kannst du nicht nebeneinander setzen. Die musst du auf Abstand halten. Sonst potenziert sie sich in Hochgeschwindigkeit. Trauer kam langsam an Bord, als hätte sie alle Zeit der Welt. Hat sie wahrscheinlich auch. Liebe war wieder so ein Fall. Liebe kannst du nicht einfangen. Wenn du hinter ihr herrennst, ist sie weg. Wenn du so tust, als wäre sie dir egal, steht sie plötzlich neben dir und fragt, ob hier noch frei ist. Angst war ein Problem. Es gab viel zu viel Angst. Überall Angst. In Ecken. Unter Tischen. In Gesprächen. Ängste verhedderten sich sogar in Telefonkabeln. Und alle wollten mit. Aber auf die Arche dürfen eben immer nur zwei. Ist nun mal die Regel. Auch für die Angst. Nachts lag ich dann da und hörte sie alle atmen. Mut. Wut. Liebe. Hoffnung. Angst. Trauer. Und da dachte ich: Vielleicht ist das mit dem Retten sowieso anders, als man denkt. Vielleicht rettet man Gefühle nicht, indem man sie loswird. Vielleicht rettet man sie, indem man aufhört, so zu tun, als wären manche von ihnen unerwünscht. Man braucht bloß nicht hundert davon. Zwei reichen völlig aus. Für den Nachwuchs. Und für die Wahrheit. Mehr hält so eine kleine Arche sowieso nicht aus. Und dann hörte ich mich sagen: „Alle Gefühle ins Boot. Liebe und Hoffnung zuerst.“ Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs
"Geh dahin, wo der Pfeffer wächst"
„Geh dahin, wo der Pfeffer wächst!“ Ein herrlicher Satz. Man kennt ihn schon aus der Kindheit. Ein verbaler Platzverweis mit historischem Charme. Man verwendet ihn in Momenten milder Verachtung, in Anwandlungen von Gereiztheit, als höfliche Verabschiedung ins Exil. Kultiviert genug für den Alltag, aber unmissverständlich in der Botschaft: Bitte entferne dich aus meinem Wahrnehmungsbereich. Sofort. Nachhaltig. Früher dachte ich, „da wo der Pfeffer wächst“ sei irgendwo hinter Buxtehude. Oder gleich neben Hintertupfingen. Sehr weit weg jedenfalls. Irgendwo, wo es unangenehm ist. Windig. Einsam. Vielleicht mit viel Gestrüpp und wenig Essen. Man sagt diesen Satz in einem Tonfall, als sei jedem von uns völlig klar, wo der Pfeffer wächst. Als gäbe es eine gemeinsame Geografie und am Ortsausgang ein Hinweisschild: Da wo der Pfeffer wächst → 7.231 km Heute frage ich mich: Wo wächst der Pfeffer eigentlich? Wo genau soll ich denn hingehen? Und vor allem: Warum soll es dort so schlimm sein? Also habe ich vorsichtshalber recherchiert, wo ich lande, wenn mich demnächst einer dahin schickt, wo der Pfeffer wächst. Der Pfeffer, genauer gesagt schwarzer Pfeffer, botanisch Black pepper, wächst ursprünglich an der Malabarküste in Indien, vor allem in Kerala. Warm ist es da. Feucht. Viel Grün. Viel Regen. Viel Schatten. Es gibt Pflanzen, die an anderen Pflanzen hochklettern. Wie der Pfeffer. Er wächst nicht einfach so geschniegelt in ordentlichen Reihen. Er braucht etwas, woran er sich festhalten kann. Sehr sympathisch, für meine Verhältnisse. Nicht wegen der Botanik, sondern wegen dem Festhalten. Ich meine, es ist doch ganz gut, wenn da einer ist, an dem man sich hin und wieder festhalten kann. Jedenfalls: Wenn mich heute jemand dahin schickt, wo der Pfeffer wächst, lande ich mit hoher Wahrscheinlichkeit in Südindien. Aha. Südindien. Palmen. Wärme. Gewürze. Fantastisches Essen. Exotische Landschaften. Entschuldigung, aber das klingt für mich nicht nach Bestrafung, sondern nach einem ziemlich gelungenen Urlaub. Was eigentlich als sprachliche Beleidigung gemeint war, verwandelt sich plötzlich in einen abenteuerlichen Reisevorschlag. Es ist erstaunlich, dass man jemanden mit einem Ort bestrafen will, für den Europäer jahrhundertelang Kriege führten. Noch absurder wird es, wenn man sich anschaut, was Pfeffer früher bedeutete. Pfeffer galt im 15. Jahrhundert als Luxus, Reichtum, Statussymbol. Das schwarze Gold. So wertvoll, dass man damit Schulden bezahlen konnte. Seefahrer riskierten ihr Leben. Für Pfeffer wurden Handelswege aufgebaut, Imperien finanziert und halbe Weltkarten neu gezeichnet. Händler in Venice verdienten ein Vermögen damit. Seefahrer wie Christoph Kolumbus stachen in See, um schneller an Gewürze zu kommen. Alles wegen diesen kleinen schwarzen Körnern, die heute neben Salz in irgendeinem Glasbehälter auf dem Küchentisch stehen und darauf warten, dass jemand an der Mühle dreht und die Spaghetti würzt. So ändern sich die Dinge. Erst riskierst du dein Leben dafür. Später stehst du im Supermarkt vor Regal sieben und überlegst, ob die Mühle für 8,99 Euro zu teuer ist. Lange Zeit wollten also alle dahin, wo der Pfeffer wächst. Heute schicken wir Leute dorthin, wenn sie uns auf die Nerven gehen. Vielleicht verrät der Spruch weniger über Pfeffer als über uns. Denn „wo der Pfeffer wächst“ ist gar kein geografischer Ort. Es ist ein Symbol für Entfernung. Für das ganz Weit-Weg. So weit, dass der andere nicht spontan zurückkommen kann. Ich glaube, es geht garnicht um Pfeffer. Es geht um Distanz. Um unser Bedürfnis, Menschen gelegentlich aus unserem Sichtfeld zu entfernen. Nicht für immer. Nur kurz. Aus dem Zimmer. Aus dem Kopf. Aus der Geschichte. Aber meistens funktioniert das nicht. Denn die Leute gehen ja nie dahin, wo wirklich der Pfeffer wächst. Sie bleiben. Sie sitzen dir gegenüber. Oder in dir drin. Und eigentlich möchte man jemanden ja gar nicht wirklich loswerden. Man möchte nur, dass er für zwei Stunden mal die Klappe hält. Oder aufhört, einem ungefragt philosophische Ratschläge zu geben. Früher war „wo der Pfeffer wächst“ praktisch das Ende der bekannten Welt. Kein Ort, den man mal eben mit dem Deutschlandticket erreicht. Für den Punkt außerhalb unseres Alltags, außerhalb unserer Reichweite. Dahin, wo wir nichts kontrollieren können. Und vielleicht steckt im Pfeffer mehr Wahrheit, als uns lieb ist. „Wo der Pfeffer wächst“ ist kein geografischer Punkt. Er ist die poetische Form von: nicht hier. Und doch lohnt es sich, über die wörtliche Bedeutung nachzudenken. Denn manchmal täte es uns tatsächlich gut, dahin zu gehen, wo der Pfeffer wächst. Vielleicht schickt uns der Satz nicht einfach weg, sondern hinaus. Raus aus der Enge des Immergleichen. Raus aus Routinen, raus aus dem Alltag, raus aus dem Hamsterrad, raus aus schlechten Gewohnheiten, raus aus der eigenen kleinen Umlaufbahn. Dorthin, wo es anders riecht, anders klingt, anders schmeckt. Weit genug weg, um die Dinge wieder neu zu sehen. Zur Not eben dahin, wo der Pfeffer wächst. In tropischer Hitze. An rankenden Reben. In roter Erde. Im Schatten hoher Bäume. Und danach kommt man ein bisschen verändert zurück. Mit mehr Gelassenheit. Neuer Perspektive. Und der Erkenntnis, dass die Welt größer ist, als der eigene Ärger. Wenn mir also das nächste Mal jemand sagt: „Geh dahin, wo der Pfeffer wächst“, antworte ich vielleicht: Economy oder Business Class?
Sonntagsrede - Über das kollektive Glück mit geringer Haltbarkeit
Eigentlich kann ich Sonntage nicht leiden. Sie haben diese eigentümliche Konsistenz des Unentschiedenen. Sie sind ein weiches, zähes Nichts. Wege bevölkern sich mit Spaziergängern, geschniegelt und gebügelt, schiebend, schlürfend vor Cafés. Ehepaare kleben inszeniert aneinander, als wollten sie Beweise für das Glück vorführen. Arm in Arm, mit einstudierten Blicken posieren sie immer sonntags für das Werbeplakat der Normalität. Kinderwagen rollen wie mobile Mahnmale eines harmonischen Lebensentwurfs, der an jeder Ecke lauert und alle drei Minuten scheitert. Inmitten dieses gesellschaft-lich anerkannten Arrange-ments wird meine Singularität beobachtet, meine Abweichung von der Norm gemustert und mit Bedauern gewürdigt. Als wüssten sie was mir fehlt. Sie lächeln zu freundlich. Alles ist zu lang-sam, zu harmlos, zu glatt. Verdächtig für meinen Geist, abscheulich für mein Herz. Sonntage, ich weiß einfach nichts mit ihnen anzufangen, außer dieses Gefühl zu hassen. Und den Sonntag gleich mit. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs
What a feeling
Manchmal findet man sich selbst wieder. Nicht im Spiegel, sondern in einer Schublade. Zwischen verhedderten Kabeln, die zu nichts mehr passen, und Dingen, deren Zweck man nur noch aus Sentimentalität verteidigt. In meinem Fall war es ein Walkman. Mein erster. Schwarz. Schwer. Rebellisch. Eine kapitalistische Schmuggelware, die heimlich ihren Weg von einer westdeutschen Patentante in den sozialistischen Arbeiter- und Bauernstaat fand. Er lag da wie ein archäologischer Zeitzeuge des Kalten Krieges. Aus einer Zeit, in der Musik noch etwas wog – physisch wie emotional. Eine Zeit, in der Musik noch ein anderes Gewicht hatte, weil man sie mühevoll auf das Band einer Kassette konservierte. Zwei Sekunden Pause zwischen Liedern, die man eigentlich nicht hören durfte. Handbeschriftet mit der Sorgfalt eines fünfzehnjährigen Menschen, der glaubte, Gefühle ließen sich ordnen, wenn man sie nur richtig beschriftet. Präzision war kein Luxus, sondern Notwendigkeit. Ich drückte Play. Und sofort war sie da, diese unverschämte Energie der Achtziger, dieses Pathos, das sich nicht entschuldigt. Whitney Houston sang, als ginge es um alles, und ich glaubte ihr jedes Wort. Bonnie Tyler krächzte und ich tanzte durch die Küche, als ginge es um Leben und Tod. Nicht elegant, sondern überzeugt. Der Körper erinnerte sich schneller als der Verstand. „Holding out for a hero“ war kein Song in diesem Moment, sondern mein aktueller Glaubenssatz. Als ich kurz davor war, einen Eimer Eiswasser über mich zu stürzen, standen meine Kinder in der Tür. Sie sahen mich an wie man peinliche Erwachsene ansieht und fragten, ob ich für eine Challenge nominiert sei. Auf Facebook vielleicht. Jede Irritation muss heute eine digitale Erklärung haben. Es ist der natürliche Reflex einer Generation, die jede Abweichung vom Normalzustand ins Internet einordnet. Mit schriller Stimme sang ich ihnen „Girl just want to have fun“ entgegen und erklärte ihnen kurz darauf den Walkman. Dass Musik früher Geduld verlangte. Dass man damals Musik besaß, nicht streamte. Dass man aufnahm, wartete, schnitt. Dass man Lieder nicht skippen konnte, sondern aushielt. Dass man vorspulte und wieder zurück, wenn man zu weit gegangen war. Dass man liebte, was man hatte, weil man nicht alles haben konnte. Sie betrachteten das Gerät wie einen Fund aus einer Ausgrabungsstätte oder wie ein Exponat aus dem Naturkundemuseum. Ihre Gesichter schwankten zwischen mildem Desinteresse und offener Verlegenheit. Zwischen technisch überholt und emotional fragwürdig. Als Höhepunkt meiner Präsentation befestigte ich den Walkman mit einem gekonnten Klick an meiner Jeans. Ein Geräusch, das mehr Selbstbewusstsein enthält als jede App. Meine Kinder wandten sich gelangweilt ab. Nur die Kleinste blieb. Sie sah zu, wie ich einen Moonwalk probierte. Mehr Wille als Können, mehr Erinnerung als Bewegung. Und am Ende stellte sie die einzig logische Frage unserer Zeit: „Mama … und wie kann man damit telefonieren?“ Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs
Beziehungskiste beziehungsweise Beziehungskram
Beziehungen kommen selten ohne Verpackung. Am Anfang sind sie schön dekoriert. Später steckt man sie in eine Kiste. Beziehungskiste nennt man das dann. Darin liegen Erwartungen, nette Sprüche, gut gemeinte Ratschläge und die eine oder andere Verletzung, die man vorsorglich mit aufbewahrt. Als Erfahrungswert oder Mahnmal. Man weiß ja nie. Beziehungsweise ist ein schönes Wort. Es deutet an, dass Beziehungen nichts Festes sind, sondern Zustände. Man ist nicht einfach zusammen, man ist beziehungsweise. In Bewegung. In Aushandlung. In Übersetzung. Beziehungskram klingt dagegen nach Überforderung. Nach Gesprächen um halb zwei nachts, nach Missverständnissen, die sich nicht aufklären lassen, nach dem Gefühl, dass Nähe Arbeit ist. Und das ist sie auch. Nur eben keine, die man delegieren kann. Es gibt Beziehungskisten für Anfänger. Da steht noch vieles unberührt drin. Hoffnung, Ideale, der feste Glaube, dass Liebe alles regelt. Dann gibt es die für Fortgeschrittene. Mit Gebrauchsspuren. Mit Kompromissen, die man gelernt hat zu schätzen. Und schließlich die für Freaks. Die, die alles gesehen haben. Die wissen, dass Beziehung kein Zustand ist, sondern eine Praxis. Was in all diesen Kisten oft fehlt, ist der wichtigste Zettel. Er liegt selten obenauf, eher ganz unten. Darauf steht: Ich. Das klingt zunächst ein bisschen nach Narzissmus, ist aber das Gegenteil. Wer sich selbst nicht mitdenkt, überlädt jede Beziehung. Wer sich selbst nicht mag, verlangt zu viel. Selbstliebe ist kein Luxus. Sie ist Grundausstattung. Vielleicht ist das die eigentliche Beziehungskiste. Die zu sich selbst. Wer sie pflegt, muss weniger reparieren. Und kann bedingungsloser lieben. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs
Ritter in pink
Es heißt immer, die Dinge seien kompliziert. Dabei sind sie eigentlich ganz einfach. Man muss nur wissen, was zu tun ist. Man küsst die Prinzessin aus dem Schlaf. Man überreicht ihr einen Blumenstrauß. Man besiegt den Drachen, marschiert entschlossen durch die Hecke und klettert den Turm hinauf. Falls man dabei abstürzt, hält man sich fest. Das gehört dazu. Helden fallen nicht, sie hängen nur kurz. Zwischendurch schert man ein Schaf, gewinnt ein Wettrennen und erklärt anschließend, dass das alles doch totaaal einfach gewesen sei. Helden neigen zur Bescheidenheit, wenn sie gut gelaunt sind. So funktioniert das Märchen. Es folgt einer klaren Dramaturgie. Jede Aufgabe hat ein Ziel, jedes Ziel eine Belohnung. Es gibt Drachen, aber sie sind besiegbar. Es gibt Türme, aber sie sind erklimmbar. Und am Ende weiß man, zu wem man gehört, bis ans Ende aller Tage. In der Realität ist das schwieriger. Dort schlafen Prinzessinnen nicht, sie denken. Drachen sind keine Einzelwesen, sondern Alternativen mit Mehrheitsanspruch. Hecken haben Dornen, Türme keine Geländer, und Abstürze hinterlassen Spuren. Niemand erklärt, wann genau man sich festhalten muss. Vielleicht liegt der Fehler darin, dass wir Märchen falsch verstanden haben. Vielleicht geht es gar nicht um „Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.“ Vielleicht geht es gar nicht um Kraft oder Sieg. Vielleicht geht es um die Rüstung. Denn die wichtigste Regel wurde lange übersehen: Eine Ritterrüstung sollte pink sein. Mit ganz vielen Herzchen drauf. Nicht, weil das niedlich ist. Sondern weil es Haltung zeigt. Wer in Pink kämpft, kämpft nicht aus Angst, sondern aus Zuneigung. Wer Herzen trägt, schützt nicht nur sich, sondern auch das, was verletzlich ist: das Herz. Vielleicht ist das die moderne Heldengeschichte: Nicht Drachen töten, sondern Nähe riskieren. Nicht Prinzessinnen retten, sondern ihnen zuhören. Und zugeben, dass vieles eben doch nicht einfach ist, aber machbar, wenn man es mit Herz versucht. Totaaal einfach. Autorin: Ivonne Lesser-Fuchs